Klimawandel und Waldsterben: Wie geht es unseren Wäldern?

Sehnsuchtsort und Kraftquelle für Millionen ist unser Wald, vor allem aber eine natürliche Klimaanlage, ein entscheidender Luftfilter und damit ein wichtiger Klimaschützer. Doch dem Großteil der heimischen Bäume geht es nicht gut. Wer in den Wäldern unterwegs ist, sieht massive Schäden, kahle Stellen, viel Schadholz – vom Harz bis zu den Bayerischen Alpen. Sind das Anzeichen für ein erneutes Waldsterben? Bereits in den 1980er-Jahren schlugen Umweltschützer und -schützerinnen Alarm, als Baumbestände großflächig erkrankten. Grund für das Waldsterben war damals vor allem die Übersäuerung des Bodens, ausgelöst durch den sauren Regen. Nachdem man durch zahlreiche Maßnahmen die Schadstoffe, die dafür verantwortlich waren, reduzieren konnte, erholten sich die Wälder langsam. Jetzt aber scheinen der Klimawandel und seine Folgen – starke Hitze, lange Trockenheit, Waldbrände und Stürme – die Wälder stark zu belasten.

Waldsterben – ein globales Phänomen?

Wie empfindlich Wälder auf Klimaveränderungen reagieren, konnte man in den vergangenen Jahren hierzulande beobachten: Erst setzten Sturmschäden im Winter 2017 dem Wald zu. 2018 und 2019 folgten dann die trockenen Hitzesommer, die die Bäume (besonders Fichten) schwächten. Schädlinge wie der Borkenkäfer taten ihr Übriges. Mehr als 2.000 Quadratkilometer Wald (eine Fläche so groß wie das Saarland) starben ab.

In Teilen Mitteleuropas und in Nordamerika zeigte sich ein ähnliches Bild: kahle Stellen, gelichtete Kronen, vertrocknete Blätter und das verräterische Muster des Borkenkäfers. In anderen Teilen der Welt führte der Klimawandel mit steigenden Temperaturen, Dürreperioden und weniger Niederschlag dazu, dass sich die Waldbrandgefahr erhöhte: Im vergangenen Jahr brannten große Flächen in Bolivien, Sibirien, Indonesien, Neuguinea, weiten Teilen Afrikas und am Amazonas ab – knapp 7.000 Brände zählte das brasilianische Forschungsinstitut INPE allein im Juli 2020. Bei den Waldbränden wird oft mehr Kohlendioxid freigesetzt, als viele Staaten in einem Jahr ausstoßen. Gleichzeitig fällt die grüne Lunge als Kohlenstoffspeicher aus, wenn die Wälder zu Asche werden.

Der Wald ist ein Klimaschützer – und leidet unter dem Klimawandel

Unsere Wälder sorgen für eine saubere Atmosphäre, denn die Blätter der Bäume filtern Schadstoffe und Staub aus der Luft. Und was vielen nicht bewusst ist: Der Wald ist ein riesiger CO2-Speicher und somit ein wichtiger Klimaschützer. Denn jeder Baum nimmt bei seinem Wachstum CO2 auf und „lagert“ es in Form von Kohlenstoff im Holz und im Waldboden. Ein Hektar Wald speichert im Jahresdurchschnitt acht Tonnen CO2 – das ist in etwa so viel wie jemand, der in Deutschland lebt, jährlich produziert.

Ein gürner und gesunder Wald von oben.
Gesunde Wälder halten die Luft sauber und sind wichtige Partner im Kampf gegen den Klimawandel.

Alle fünf Jahre wird hierzulande gemessen, wie viel Kohlenstoff unsere Wälder binden – zuletzt fand diese sogenannte Kohlenstoffinventur im Jahr 2017 statt. Bis dahin lag der Wert durchschnittlich bei rund 62 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das entspricht etwa sieben Prozent der Treibhausgas-Emissionen Deutschlands in diesem Zeitraum. Bäume und Wälder bieten also eine wertvolle Unterstützung im Kampf gegen den Klimawandel. Doch genau unter diesem leidet der Wald, wie die aktuellen Zahlen des Waldzustandsberichts zeigen. „Aufgrund der erheblichen Waldschäden durch die große Hitze und Trockenheit von 2018 bis 2020 haben wir eine bisher nicht dagewesene Absterberate von Bäumen und starke Zuwachseinbußen – daher wird der Wald 2021 wahrscheinlich deutlich weniger Kohlenstoff binden und die Klimaschutzwirkung geringer ausfallen“, sagt Prof. Dr. Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde.

Was sagt der Waldzustandsbericht 2020?

Der Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) veröffentlicht seit 1984 jedes Jahr, wie es um unsere Wälder steht. Die aktuellen Zahlen basieren auf den Aufnahmen vom Sommer 2020. Sie bestätigen, dass es dem Wald schlechter geht als in Zeiten des ersten Waldsterbens in den 1980er-Jahren. Vor allem hohe Temperaturen, Dürre, Stürme und Schädlinge setzen dem Wald zu. Inzwischen sind etwa 277.000 Hektar Wald abgestorben – das entspricht etwas mehr als der Fläche des Saarlands. Sterben Bäume ab oder sind sie schwer geschädigt, zählen sie als sogenanntes Schadholz. Am schwersten getroffen sind deutschlandweit vor allem Fichten und danach Kiefern. Neben Trockenheit und Hitze ist daran der Massenbefall durch Borkenkäfer schuld. „Aber auch Laubbäume wie die Buche zeigen auf trockeneren Standorten besorgniserregende Schäden. Auch hier treten bisher wenig bedeutsame Buchenborkenkäfer und andere Schaderreger zunehmend in Erscheinung“, so Andreas Bolte.

Die zeitigen und warmen Frühjahre sowie die heißen Sommer der letzten Jahre haben dafür gesorgt, dass sich die Käfer schneller entwickelt haben als sonst. Statt der üblichen zwei gab es meist drei oder sogar vier Generationen Schädlinge im Jahr – entsprechend groß ist ihre Zahl. Hinzu kommt, dass die starke Trockenheit die Bäume schwächt und ihre Anfälligkeit für Schädlingsbefall und Baumkrankheiten erhöht.

Am unteren Teil des Baums sind Fressspuren von Schädlingen in der Rinde zu erkennen.
Angeschlagene Bäume sind für Schädlinge wie den Borkenkäfer ein gefundenes Fressen.

Woran erkennt man, dass ein Baum geschädigt ist?

Den Gesundheitszustand eines Baumes erkennt man vor allem an seiner Krone. Bei einem gesunden Baum ist das Laub- oder Nadelkleid so dicht, dass man durch seine Krone kaum den Himmel sehen kann. Doch ein kranker Nadelbaum verliert seine Nadeln oft schon nach wenigen Jahren – und kranke Laubbäume bilden weniger sowie kleinere Blätter. „Verlichtet“ sich so die Krone, also dünnt die Benadelung oder Belaubung stark aus, zeigt das an, dass der Baum geschwächt oder sogar ernstlich krank ist. Im letzten Jahr war die Kronenverlichtung aller Baumarten so hoch wie noch nie. Nur noch 21 Prozent aller Bäume weisen keine Kronenverlichtungen auf. Daher sprechen viele von einem neuen Waldsterben.

Was sind die Ursachen für das Waldsterben 2.0?

Das Waldsterben war in den 1980er-Jahren eins der bedeutendsten Umweltthemen der Bundesrepublik. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hatten damals neuartige Waldschäden festgestellt: Baumkronen wurden schütter, Nadeln vergilbten und fielen ab. Erste Opfer waren die Weißtannen in Bayern und im Schwarzwald. Bald kamen schwere Schäden auch an Fichten, Buchen, Kiefern oder Eichen hinzu. Forschende suchten nach den Gründen für das Baumsterben – und fanden sie in der starken Luftverschmutzung sowie dem daraus resultierenden sauren Regen. Entschwefelungsanlagen in den Kohlekraftwerken und zahlreiche weitere Schutzmaßnahmen sorgten für eine bessere Luft. Zu einem großflächigen Waldsterben kam es damals zum Glück nicht.

Saurer Regen macht den Bäumen jetzt nicht mehr zu schaffen. Und doch erinnern die Schäden, die man jetzt in den Wäldern sieht, an das Waldsterben vor 40 Jahren. Die Ursachen dafür sind vielfältig – die Folgen des Klimawandels aber wohl die gravierendsten. Doch dass der Klimawandel mit Hitze, Dürre und Stürmen so viel Schaden im Wald anrichten kann, liegt vielen Expertinnen und Experten zufolge an der mangelnden Baumartenvielfalt in unseren Wäldern. Umweltverbände fordern dringend eine Abkehr von schnell wachsenden Monokulturen, da diese besonders anfällig für die Folgen der Klimaveränderung sind.

Auf einer Lichtung liegen abgeholzte Baumstämme, im Hintergrund sieht man einen Nadelwald.
Bewirtschaftete Nadelwälder wie dieser sind nur schlecht für den Klimawandel gerüstet.

Waldsterben oder Baumsterben?

Während vielerorts von einem neuen Waldsterben zu lesen ist, sehen das viele Forstexperten und -expertinnen differenzierter. Sie sprechen eher von einem Baumsterben, da vor allem einzelne Arten stark betroffen sind – allen voran die Fichte.

Ursprünglich war Deutschland vor allem von Laubwäldern bedeckt, insbesondere Buchen und Eichen. Nadelbäume machten nur einen geringen Anteil der Wälder aus. Im Interesse der Holzwirtschaft dominieren heute aber Fichten, die jetzt vermehrt unter dem Klimawechsel leiden.

Wie lässt sich der Wald retten?

Um den steigenden Temperaturen und den Extremwetterlagen zu trotzen, müssen sich unsere Wälder wandeln. Man muss wegkommen von reinen Nadelbaumforsten hin zu laubbaumreichen Mischwäldern, die längeren Trockenphasen und Hitzewellen standhalten. Dabei können heute noch weniger häufigere heimische Baumarten wie Hainbuche, Winterlinde, Esskastanie und Wildobstarten eine Rolle spielen.

„Wir sollten unsere heimischen Baumarten also nicht so schnell aufgeben“, sagt auch Förster Peter Wohlleben. „Unsere Bäume lernen überraschend gut, mit neuen Bedingungen zurechtzukommen. Selbst die rund 1.000 Jahre alten Ivenacker Eichen in Mecklenburg-Vorpommern scheinen sich langsam zu erholen, nachdem sie sich auf trockenere und heißere Sommer umgestellt haben. Und nach neusten Erkenntnissen geben Mutterbäume diese Erfahrung an ihre Sämlinge weiter, sodass die nächste Generation deutlich robuster ist.“

Was kann man selbst gegen die Gefährdung des Waldes tun?

Am wichtigsten sind zuallererst wesentlich stärkere Bemühungen, die Klimaveränderungen zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Da sind in erster Linie Industrie, Verkehr und Landwirtschaft gefordert, ihre CO2-Emmissionen drastisch zu senken. Doch auch jede und jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten und zum Beispiel weniger und dafür bewusster Holzprodukte konsumieren. Außerdem natürlich möglichst auf das Auto verzichten oder landwirtschaftliche Produkte kaufen, die mit wenigen bis gar keinen Düngemitteln oder Pestiziden auskommen. Auch das hilft dem Wald. „Daneben gilt es, den Fleischverbrauch zu reduzieren. Die freiwerdende Agrarfläche könnte wieder aufgeforstet werden und als neuer Wald zur Kühlung der Landschaft erheblich beitragen“, rät Peter Wohlleben.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

* Diese Felder sind Pflichtfelder.