Das Konzept der Saatgutbibliothek: So funktioniert’s

Saatgut und Samentütchen liegen auf einem Tisch.

Möchten Sie in Ihrem Garten oder auf Ihrem Balkon Obst und Gemüse anbauen und brauchen noch Inspiration? Vielleicht ist Ihnen dabei auch ein Netzwerk wichtig, weil Sie darin wichtige Tipps erhalten und gleichzeitig etwas zurückgeben können? Möglicherweise sind Sie aber auch nicht am Kauf von konventionellem (Hybrid-)Saatgut interessiert, sondern wollen „neue alte“ Sorten entdecken? Oder Sie wollen andere Menschen am Erfolg Ihrer Ernte und dem daraus entstandenen Saatgut teilhaben lassen, indem Sie dieses mit ihnen teilen? In all diesen Fällen könnte der Besuch einer Saatgutbibliothek spannend für Sie sein.

Die Saatgutbibliothek – eine Bibliothek für Samen

Sie haben richtig gelesen: Es gibt tatsächlich Saatgutbibliotheken! Und wie der Name schon vermuten lässt, lehnt sich das Leihprinzip der Saatgutbibliothek an das einer klassischen Bücherei an. Das heißt, dass Saatgut an einem bestimmten Standort zur Ausleihe bereitsteht und man dort eine Auswahl aus verschiedenen Samen findet. Saatgutbibliotheken werden vorzugsweise da aufgebaut, wo viele Menschen regelmäßig hinkommen. Am ehesten bieten sich deshalb Stadtbibliotheken an. Es kommen aber gleichermaßen andere Orte infrage – beispielsweise gibt es auch kleinere oder gar private Einrichtungen und Tauschbörsen.

Warum sind Saatgutbibliotheken so wichtig?

Das Konzept der Saatgutbibliothek ist zwar für viele Hobbygärtner und -gärtnerinnen eine interessante Abwechslung. Eigentlich wurden die ersten Einrichtungen aber mit dem Ziel errichtet, bedrohte Nutzpflanzen zu erhalten und mit dem Saatguttausch die Biodiversität zu fördern. Nachdem sich gentechnisch verändertes Saatgut in der US-amerikanischen Landwirtschaft zunehmend durchgesetzt hat, sind dort die ersten Einrichtungen entstanden – zum Schutz der Artenvielfalt und als Gegenmaßnahme zur industriellen Landwirtschaft.

Der Mensch zerstört seit Jahrzehnten Biotope, in denen nicht nur seltene, sondern auch für unser Überleben außerordentlich wichtige Pflanzenarten existieren. Damit diese Pflanzen nicht vollständig vom Erdboden verschwinden und wir nicht unsere letzte Nahrungsgrundlage zerstören, werden seit einiger Zeit weltweit Saatvorräte angelegt. Die Notwendigkeit, Saatgut zu schützen, ist in den letzten Jahren zunehmend ins Bewusstsein gerückt – nicht nur aufgrund der zu befürchtenden weltweiten Klimaveränderungen.

Wie lange gibt es das Konzept schon?

Wenn man zurückschaut, stellt man fest, dass die Geschichte der Saatgutbibliotheken noch recht jung ist. Im Jahr 2010 nämlich wurde die erste offizielle Saatgutbibliothek in Richmond (USA) eröffnet. Inzwischen gibt es sie in größerer Zahl auch in Europa. In Frankreich sind seit 2013 die „Grainothèques“ in Lille, Toulouse und Paris sowie an über 400 anderen Orten entstanden. Auch in Deutschland findet man immer mehr Samenbibliotheken.

Wie funktioniert die Ausleihe in der Saatgutbibliothek?

In einer Saatgutbibliothek läuft die Ausleihe etwas anders als bei Büchern oder anderen Leihmedien. Nicht die Stadt oder Gemeinde stellt das Saatgut, sondern die Besucher und Besucherinnen der Bücherei. Sie verschenken ihr samenfestes Saatgut, damit dieses an so vielen Standorten wie möglich ausgesät wird und sich die Pflanzen vermehren können. Auf diese Weise entsteht erneut Saatgut zum Verschenken. Dieser Kreislauf lässt sich beliebig oft wiederholen, denn mit jeder neuen Pflanze steht auch immer wieder neues Saatgut zur Verfügung.

Saatgut wird nach der Ernte gesammelt und in ein Saattütchen gefüllt.
Nach der Ernte werden die Samen wiedergewonnen, um sie in die Saatgutbibliothek zurückzuführen.

Ein schlaues Konzept ist es allemal. Besonders wenn man bedenkt, dass viele der Samen aus dem Handel nicht samenfest sind und sich somit nicht vermehren lassen. Gerade bei sehr schmackhaften Obst- und Gemüsesorten oder bei seltenen Pflanzen ist die Saatgutbibliothek Gold wert. Neben dem Ausleihen gibt es die Möglichkeit, sich über die angebotenen Samen genauer zu informieren. In der Regel wird dem Saatgut eine Beschreibung beigelegt, wie die Samen am besten auszusäen und zu pflegen sind.

Welches Saatgut lässt sich gut für eine Samenbibliothek nutzen?

Für die Saatgutbibliothek lässt sich jedes Saatgut verwenden, das selbst wieder Samen ausbilden kann. Das bedeutet, dass nur samenfeste Sorten infrage kommen. Denn diese erzielen nach der Aussaat oft den gleichen Ertrag und es lassen sich ähnlich viele neue Samen aus der Pflanze gewinnen. Im Handel findet man oft Saatgut mit dem Zusatz „F1“, das für Hybridsorten, also Sorten ohne Samenbildung, steht. Dieses Saatgut ist nicht für den Tausch in der Saatgutbibliothek geeignet.

Leider kann man auch bei Bio-Samen nicht automatisch darauf schließen, dass sie samenfest sind. Hat man keinerlei Hinweise darauf, ob Saatgut samenfest ist, gilt: Probieren geht über Studieren. Hier sollte man zunächst unbedingt selbst ausgesät und die Samen eingesammelt haben, bevor man sie anderen in der Saatgutbibliothek zum Tausch anbietet.

Wer kann sich an dem Saatguttausch beteiligen?

Grundsätzlich kann sich an der Saatgutbibliothek jede und jeder beteiligen. Man sollte die Idee aber ernst nehmen und versuchen, das ausgeliehene Saatgut wieder zu ersetzen. Schließlich geht es hier um einen Sinn, nämlich um die Erhaltung und Verbreitung von Pflanzen, die besonders nützlich sind.

Im Internet lassen sich Saatgutbibliotheken leicht recherchieren. In der Regel lohnt es sich aber auch, beim nächsten Besuch in Ihrer Stadtbibliothek nachzufragen. Oder Sie fragen direkt bei den Gemeinden nach. Einige Bibliotheken haben wir im Folgenden für Sie zusammengestellt.

Wie legt man eine eigene Saatgutbibliothek an?

Jede und jeder kann eine Saatgutbibliothek oder -Börse anlegen. Natürlich sollte der Ort so gewählt sein, dass möglichst viele Menschen miteinander tauschen können. Dazu bietet sich zum Beispiel der Arbeitsplatz an, aber auch Schule, Kindergarten oder Verein. Sie sollten nur sicherstellen, dass allen die Regeln bekannt sind (einige Tipps dazu weiter unten) und dass die weiter oben beschriebenen Voraussetzungen erfüllt sind (wichtig: samenfestes Saatgut!). Und dann kann man einen Schuhkarton, eine größere Box oder gar ein Regal einrichten, in dem die verschiedenen Samen bereitliegen.

Saatgut wird aus geernteten Früchten und Gemüse gewonnen.
Nur samenfestes Saatgut kommt für eine Saatgutbibliothek in Frage.

Samen herzustellen ist nicht sehr schwer. Es kostet aber etwas Zeit und man sollte sich vorab zum Beispiel damit befassen, wie man Saatgut haltbar macht. Auch sollte man gewisse Informationen über die Sorte und die Bewirtschaftung der Pflanze zur Verfügung stellen, damit andere wissen, was sie da eigentlich anbauen. Das bedeutet, dass auf den Saatguttütchen unbedingt noch ein paar Eckdaten zum Anbau notiert werden. Wenn alle kurz und knapp vermitteln, welche Samen sie tauschen, macht die ganze Sache noch mehr Spaß. Nützliche Tipps rund um das Anlegen einer Saatgutbibliothek und das Engagement bei der Förderung der Sortenvielfalt gibt es (in englischer Sprache) auch im Videoformat auf der US-Seite der Seedlibraries.

Machen Sie mit und werden Sie Teil einer nachhaltigen Gemeinschaft, die die Vielfalt der Natur bewahrt!

So könnten die Regeln für Ihre Saatgutbibliothek aussehen

  • Jede und jeder darf ein oder mehrere Saatgut-Tütchen auswählen (vorab festlegen!).
  • Samen im Garten, auf dem Balkon oder in einem Topf auf der Fensterbank einpflanzen.
  • Warten, bis die Pflanzen gewachsen sind, und sich an den Blüten erfreuen oder Gemüse/Früchte ernten.
  • Saatgut nach geeigneter Anleitung herstellen, beispielsweise mithilfe des Webinars Saatgutgewinnung leicht gemacht der Büchereizentrale Niedersachsen.
  • Saatgut der abgeernteten Pflanzen wieder in die Saatgutbibliothek bringen.
  • Genauso lässt sich auch Saatgut aus dem eigenen Garten in die Bibliothek mitbringen und anderen Hobbygärtnern und -gärtnerinnen zur Verfügung stellen.

 

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